Artikel im Mauersegler Nr. 3/2008 
  Waschbär "Wuschel" in der Werderau
 

Unbemerkt vom Wirbel um Flocke ist in Nürnberg tatsächlich ein wilder Bär eingezogen. Versteckt in einer Kleingartenanlage beim Nürnberger Stadtteil Werderau lebt seit 2007 ein Waschbär.
"Am Bahndamm sitzt ein Waschbär im Baum", erzählte mir eines Tages mein Nachbar. "In Nürnberg gibt es keine Waschbären", entgegnete ich ihm mit dem Brustton des überzeugten Biologen. Doch ein kurzer Spaziergang zur beschriebenen Stelle ließ die zoologische Kompetenz schwinden. Hoch oben in einer Astgabel schlummerte tatsächlich ein echter Waschbär. Selbst einige schimpfende Krähen konnten ihn in seinem friedlichen Schlaf nicht stören. Kontrastreiche Gesichtszeichnung und buschiger Schwanz wiesen ihn eindeutig als Waschbär aus. Zudem würde sich kaum eine Hauskatze in so schwindelnde Höhen zum Schlafen zurückziehen.
Damit ist ein weiteres fremdländisches Tier in der Nürnberger Natur neu vorhanden. Der Waschbär (Procyon lotor) gehört zu den sogenannten Kleinbären und ist ursprünglich in Nord und Mittelamerika beheimatet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts kommt er auch in Mitteleuropa vor, nachdem er aus Gehegen entwichen ist oder auch gezielt ausgesetzt wurde. 1934 wurden z. B. in Hessen zwei Waschbären ausgesetzt, aus denen sich eine ansehnliche Population entwickelte. Zur Zeit wird der Bestand an Waschbären in Deutschland auf mehrere hunderttausend Tiere geschätzt. Auch die meisten bayerischen Waschbären dürften wahrscheinlich von Nachkommen der hessischen Tiere abstammen. Für das Nürnberger Exemplar wäre ein Wanderweg entlang des nahen Rhein-Main-Donau-Kanals denkbar.
Zwar bevorzugt der Waschbär gewässerreiche Laubwälder als Lebensraum, ein urbanes Umfeld kommt den Bedürfnissen des hochintelligenten Säugers aber durchaus entgegen. Hier fällt er oft durch das Ausleeren von Mülltonnen oder das Abernten von Obstbäumen negativ auf. Manche Ökologen sehen ihn auch als Feind der heimischen Vogelwelt kritisch. Viele Bürger pflegen dagegen den possierlichen Säuger zu füttern. Wie man auch zum Waschbären stehen mag, eine Bejagung konnte bisher die Ausbreitung kaum verhindern. Man darf daher gespannt sein, wie er sich im Ballungsraum entwickelt.
Wer weitere Beobachtungen von Waschbären gemacht hat, kann dies gerne beim Bund Naturschutz melden, Tel. (0911) 45 76 06 oder info@bund-naturschutz-nbg.de.
Wolfgang Dötsch, Diplom-Biologe