Artikel im Mauersegler Nr. 3/2008 
  Die Taube
 

Symbol für die geistige und die körperliche Liebe, die Fruchtbarkeit und die Unschuld; für den Frieden, den Neubeginn und den heiligen Geist – bei Aphrodite und Venus, bei den Kirchen, den Kommunisten und der Friedensbewegung.
Seit mindestens 6.000 Jahren wurden Tauben in Ägypten als Haustiere gehalten. Dabei standen ursprünglich religiöse Motive im Vordergrund. Später wurden sie auch gegessen. Wer in die Stadt zog, nahm sich Tauben mit – ein Rest Unabhängigkeit durch Eigenversorgung. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten viele Stadthäuser einen Taubenschlag unterm Dach. Sogar die Eier wurden gegessen und die Federn genutzt. In der Türkei und in Persien wird ihr Dung heute noch als hochwertiger Dünger gesammelt. In der Volksmedizin galt die Taube als Heilmittel und Aphrodisiakum.
Verflogener Zauber
Nach dem Krieg waren viele Dächer und damit auch Taubenschläge kaputt. Es gab weniger Tauben (warum wohl?) und andere Prioritäten. Die Beziehung löste sich. Außerdem kamen Brathähnchen in Mode. Inzwischen hat auch die Schweizer Armee ihre Brieftaubenzucht aufgegeben ("Selbstreproduzierende Kleinflugkörper auf biologischer Basis mit fest programmierter automatischer Rückkehr aus beliebigen Richtungen und Distanzen"). Das heutige Interesse an der Taube ist im Wesentlichen auf die Hochleistungs-Taube als "das Rennpferd des kleinen Mannes" geschrumpft.
Nur lösten sich die Tiere in der Stadt nicht per Mausklick auf. Vom Menschen auf zahlreiche Nachkommenschaft gezüchtet und nicht mehr "gemocht" wurden sie immer schneller immer mehr – und lästig. Entflohene Haustauben kommen nach wie vor laufend hinzu. Die Tauben verkamen zu "Ratten der Lüfte" und ihr kostbarer Dung zum Hygienerisiko.
Schwerste Beschuldigungen:
Außerdem polarisieren sie die Welt. Die reinen Genuss-Fütterer sind noch harmlos. Den Einen sind sie psychosozialer Ersatz für menschliche Beziehungen. Andere toben ihren Fürsorgezwang an ihnen aus. Und dann gibt es noch welche, die ihre verschimmelten Brotreste bei ihnen abladen, bevor sie sich mit beruhigtem Gewissen von der chemisch übersteigerten Duftspur in die nächste Bäckerei locken lassen. Den letztgenannten Typ kenne ich aus eigener Erfahrung.
Die erbärmlichen Obdachlosen, die sich mit gesträubtem Gefieder und eingezogenen Köpfen auf den blanken Fliesen der Kaufhauspassage die Füße kaputtstehen, stören den Blick auf die leuchtenden Schaufenster. Ihr Kot verätzt Kunstobjekte und Fassaden. Bei Regen macht er die Straße glitschig, so dass man leicht stürzen und sich ein Bein brechen kann. Sogar Autos sollen schon darauf ausgerutscht sein. Sie verbreiten Geruch und Lärm, außerdem humanpathogene Krankheitserreger wie Ornithose, Salmonellose, Cryptococcen und andere (potentielle) Erreger. In der Umgebung ihrer Brutplätze verbreiten sie humanpathogene Parasiten und Materialschädlinge. Durch Fraß im weitesten Sinne schaden sie Grünanlagen, Blumenkästen und kalkhaltigen Steinchen an Mauern und Putz. Dabei kommt es möglicherweise zu Sekundärschäden oder gar Gefährdung der Passanten durch herabfallendes Mauerwerk. Schadensersatzansprüche sind die Folgen. Und dann gefährden sie noch den Verkehr, indem sie Radfahrer erschrecken, und sogar die Flugsicherheit, wenn ihre Schwärme in Triebwerke geraten. Taubenkrieg – Freund und Feind gleichermaßen sind rational nicht greifbar. Die Tauben müssen weg. Die Taubenbekämpfung nährt Industrie und Bruttosozialprodukt ohne wirkliche Lösung, aber immerhin relativ giftarm. Ratten lieben Taubeneier. Wo sie überhand nehmen, gibt es weniger (Tauben).
Man könnte sie essen
Anders als Mastvieh erhalten Stadttauben keine Antibiotika. Ihr Fleisch enthält also weniger Arzneimittel-Rückstände. Schadstoffe sammeln sich in den inneren Organen. Gegessen wird das Muskelfleisch. Die Keime werden beim Kochen zerstört. Taubenfleisch ist zart und leicht verdaulich. Im Vergleich mit anderen Fleischarten ist es mager und verhältnismäßig cholesterinarm.
Haltung und Unterbringung, auch in der Vorstadt und Stadt, sind unkompliziert. Das Wichtigste ist ein Taubenfuß-gerechter Sitzplatz für ihre auf Zweiglein ausgelegten Füße. Man kann sie füttern. Ansonsten helfen sie sich selbst und fressen den Müll von der Straße. Insofern könnte der Verzehr dieses einheimischen Geflügels sogar dabei helfen, unseren ökologischen Klumpfußtritt etwas zu verkleinern und das Gewissen nachhaltig zu beruhigen – sogar variabel. Als Abwechslung und als Alternative zu Fabrik-Hähnchen & Co. könnten sie die Reihe der möglichen Lebensmittel verlängern – kleiner Beitrag zur Allergie- Vorsorge, für Genesende. Zumindest die Flugtauben, die neuerdings vereinzelt wieder angeboten werden, sind relativ freilebende Tiere. In der Stadt werden sie nur noch von manchen Alten geliebt, aber von allen kleinen Kindern – ein Rest Natur in der Steinwüste.
Junge Tauben zu braten: Am besten sind Nesttauben. Sie müssen ein bis zwei Tage vor dem Gebrauch getötet, gerupft und ausgenommen werden, dürfen aber nicht gepflückt an die Luft gelegt werden. Nachdem sie nach Belieben mit einer Farce gefüllt worden sind, stellt man sie in einem feuerfesten Topf mit fest schließendem Deckel und in reichlich Butter und einigen Körnchen Salz (sie können leicht versalzen werden) auf ein mäßiges Feuer, wo sie fortwährend langsam braten müssen, bis sie recht weich geworden sind. Tauben dürfen nur gelb gebraten werden und die Sauce nicht im Mindesten dunkel sein. Besonders ist die größte Sorgfalt beim Braten notwendig, wenn sie für Kranke bestimmt sind. Beim Anbraten können nach Geschmack einige frische Wacholderbeeren zerschnitten, nicht zerstoßen, in die Butter gelegt, auch beim Braten süße Sahne hinzugefügt werden, doch ist beides Geschmacksache, die Hauptsache ist, besonders für Kranke, eine weiche und helle Zubereitung. (Davidis-Holle Kochbuch, 1914). Man müsste wieder lernen, wie das geht, mit den Tauben. Sogar ein Fünkchen Magie hat überlebt: Brautpaare und Zauberer entdecken sie gelegentlich wieder.
Zum Weiterlesen:
Patricia Merivale (1969): Pan The Goat-God – His Myth in Modern Times. Harvard University Press, Cambridge, Massachusets.
Annette Rösener (1999): Die Stadttaubenproblematik: Ursachen, Entwicklungen, Lösungen. Shaker Verlag, Aachen, 123 S.
Ernst Wiechert (1930): Pan im Dorfe.
Bildunterschrift: Foto: André Winkel
Bildunterschrift: Tauben am Nürnberger Abendhimmel  Foto: Eva Scholl
Dipl.-Biol. Eva Scholl (Redaktionsteam "Mauersegler")