Artikel im Mauersegler Nr. 3/2008 
  Portrait Ortsgruppe Ziegelstein
 

Wer noch nie in Ziegelstein spazieren ging, sollte es mal tun...  Historisch, aber auch in städtebaulicher Hinsicht ist dieser Stadtteil sehens- und erhaltenswert. Der Redaktionskreis sprach mit Frau Dr. Marion Grau, einer der drei Veteran/-innen der BN-Ortsgruppe Ziegelstein/Buchenbühl.
Frau Dr. Grau, was macht Ihren Stadtteil aus?
Das Besondere an Ziegelstein/Buchenbühl ist, dass man hier noch im engen Kontakt zur Natur lebt. Die Mehrzahl der Häuser haben schon mal Gärten, dann haben wir hier den Reichswald in unmittelbarer Nähe. Wir wissen auch, wie wertvoll das ist, und was wir zu verteidigen haben.
Der Ort hat auch Geschichte. Früher war dies hier eine Siedlung, die Familien die Selbstversorgung ermöglichte. Die Häuschen stammen alle aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Jeder hatte Tiere, baute sein eigenes Gemüse an, es waren Schuppen in den Gärten, oft wurden da Tauben, Hühner gehalten.
Heute ist die Bevölkerung ein bisschen gemischt; es sind schon noch alteingesessene ältere Bürger hier, die verständlicherweise manchmal sehr konservative Meinungen vertreten. Es gibt aber sehr auch viele junge Familien, manche sind hier aufgewachsen und möchten hier bleiben, andere sind zugezogen, weil der Stadtteil so kinderfreundlich ist. Diese Familien bringen viel neuen Schwung mit und haben auch den Mut, für den Umweltschutz einzutreten.
Wenn man hier durchfährt, fällt einem auf, wie eng die Straßen sind...
Genau. Viele dieser Straßen sind abgehängt oder Tempo-30-Zonen. Hier spielen die Kinder (und oft ganze Familien) auf der Straße.
Inwiefern gibt es in so einem grünen Stadtteil überhaupt Probleme mit dem Naturschutz?
Na ja, ein Problem ist, dass die Leute, wie wir etwas lästerhaft sagen, immer nur bis zu ihrem Gartenzaun denken. Wir haben viel dafür geworben, doch das Fahrrad zu benutzen, das wäre ja in Ziegelstein sehr leicht möglich. Wir haben beobachtet, dass gerade die Befürworter der Nordanbindung, oder die, einigen, die am meisten nach einer Umgehungsstraße schreien, dass die tatsächlich mit ihrem Auto zum Brötchenholen fahren; also die Anwohner selbst nehmen das Auto häufig für sehr kurze Wege.
Unsere zwei Sorgenkinder, die uns zeigen, dass wir doch nicht ganz im Paradies leben, sind Ziegelsteinstraße und Bierweg und die Marienbergstraße Richtung Flughafen. Besser gesagt, der zunehmende Verkehr dort.
Das mahnt uns, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, weil dadurch sehr negative Folgen für den Lebensraum entstehen. Man muss aber sagen, dass der Verkehr nur zu bestimmten Zeiten zu stark ist.
Wie steht es konkret um die Pläne der Stadt, an der Marienbergstraße oder in der Hahnenbalz ein Gewerbegebiet auszuweisen?
Die Pläne gibt’s und auch das Gebiet östlich der Flughafenstraße ist im Raumordnungsverfahren als Gewerbegebiet ausgewiesen. Das ist ja auch unsere große Sorge, dass da ein Gewebegebiet entsteht, das dann natürlich Verkehr anzieht. Wir vermuten auch, dass der geplante Bau der Nordanbindung dieses Gewerbegebiet letztendlich bedienen soll. Von daher sind wir sehr wachsam.
Außerdem ist da doch das Gewerbegebiet an der Andernacher Straße. Ist denn dieses Gebiet schon ausgelastet?
Wir haben auch schon eine Arbeit darüber erstellt, wo überall bereits bestehende, freie Gewerbeflächen zur Verfügung stehen. Hinten am Nordostpark auf der anderen Seite der Bayreuther Straße sind große, freie Gewerbeflächen. Dort ist durch die B2 auch schon die Anbindung an die Autobahn gegeben. Das Gewerbegebiete Andernacher Straße und Hahnenbalz sind so gut wie ohne Verkehrsplanung entstanden. Das ist gerade der Verkehr, der jetzt auf dem Bierweg rollt. Aber es ist noch auszuhalten.
Zum Thema Nordspange:
Diese Planung hat wohl auch mit dem Flughafen zu tun. Die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens für die Metropolregion ist nicht zu leugnen. Jetzt ist ja nur die Frage: Ist die Nordspange für den Passagierbetrieb notwendig oder mit welcher offiziellen Begründung wird diese Maßnahme geplant? Natürlich werden die steigenden Fluggastzahlen erwähnt. Aber in den letzten zehn Jahren sind die Verkehrszahlen stabil. Das ist uns vom Verkehrsplanungsamt bestätigt worden. Also trotz steigender Fluggastzahlen kein steigender PKW-Verkehr. Das ist mir noch mal ganz wichtig! Viele Fluggäste sind ja nur Umsteiger. Auch in Bezug auf den Klimawandel darf der Flugverkehr nicht unkontrolliert zunehmen, denn seine Schädlichkeit für das Klima ist um ein Vielfaches schlimmer als die des Straßenverkehrs!
Wie wird die BN-Gruppe vom Betreiber des Flughafens wahrgenommen?
Wir werden wahrgenommen, wir wurden gemeinsam mit dem Aktionsbündnis "Lebenswertes Ziegelstein" eingeladen und wir wurden dort bewirtet und freundlich behandelt und man wollte uns ein Bild geben von den Plänen und Notwendigkeiten aus der Sicht der Flughafenbetreiber.
Frau Dr. Grau, den Leser könnte interessieren, wie und wann die Gruppe denn entstanden ist?
Die Gruppe wurde vor 12 Jahren gegründet von Therese Mayerle. Frau Mayerle hat damals mit ihrem guten politischen Gespür im Hinblick auf kommende Entwicklungen verschiedene Ortsgruppen gegründet. Sie hat zu einer Sitzung im Kulturladen eingeladen. Seitdem sind ich und Bärbel Resch dabei, wir sind die zwei Veteraninnen. Damals war auch Ulrike Zylla dabei. Sie war zuerst als Parteilose und dann für die Grünen im Stadtrat und sie hat uns immer mit wichtigen Informationen versorgt. Mit der Zeit haben wir so unsere eigene Arbeitsweise entwickelt, mit verteilten Zuständigkeiten und ohne Hierarchien. Die Gruppe sind im Moment drei Kernfrauen, Bärbel Resch, Viola Gburek und ich und Franz Binder. Wir treffen uns einmal im Monat um 20.30 Uhr.
Wie wird die Gruppe von den Ziegelsteiner Bürgern aufgenommen?
Unsere Initiativen stoßen auf eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Vor allem deshalb, weil wir sehr viele schöne Aktionen veranstalten: zum Beispiel die Gründung von zwei Kindergruppen oder die Mitgestaltung des Erntedankzuges der Gemeinden. Wir machen Infostände und sind mitmarschiert für mehr Grün am Fritz-Munkert-Platz. Sehr erfolgreich ist unsere jährliche Pflanzentauschbörse. Interessant ist, dass wir immer wieder von der Bevölkerung angefragt werden. Immer dann, wenn die Menschen spüren, dass die Natur in unserem Stadtteil Schutz braucht, wenn ein Baum gefällt wird oder wenn neu gebaut wird, ist unser Rat gefragt.
Sie haben auch den Schutz und die Pflege einiger Biotope bewirkt?
Besonders am Herzen gelegen war uns die Ziegellach. Das ist ein Waldstreifen mit besonders alten Eichenbeständen. Er steht unter Naturschutz und wir haben dort vor Jahren einen Waldlehrpfad eingerichtet, der immer wieder der Wartung bedarf. Auch das Forstamt hat sich daran beteiligt. Unser zweites Highlight-Biotop ist natürlich der Weiher am Marienbergpark. Dort gibt es auch regelmäßig Führungen mit Wolfgang Dötsch. Durch Führungen soll die Bevölkerung den Wert der Biotope kennen und schätzen lernen. Es sind nur kleine Führungen, aber zu Beispiel junge Familien nehmen das gerne in Anspruch.
Kommen wir zum oben schon erwähnten Aktionsbündnis "Lebenswertes Ziegelstein".
Das ist unser Hauptwerk, auf das wir auch stolz sind. Und zwar, weil wir es geschafft haben, im Kampf gegen die Nordanbindung unterschiedlichste Gruppierungen dauerhaft zu vereinen; damit ist das Bündnis gegen die Nordanbindung sehr schlagkräftig.
Die Initiative dazu hatte der BN und die Koordinierung ist bei unserer kleinen Gruppe und wir schaffen es also, sowohl das Aktionsbündnis "Lebenswertes Ziegelstein", als auch den LBV, die Fluglärmschutzgemeinschaft Buchenbühler Siedler, die mit dem BN anfangs überhaupt nichts am Hut hatten und jetzt wirklich zuverlässige Partner sind, zu vereinen. Wir haben die Grünen, wir haben verschiedene kleine Parteien, die ÖDP und die Linken und wir haben die ganze große Friedensgruppierung, die immer dabei sind, die sonst mit den anderen Gruppierungen überhaupt nichts zu tun haben. Ein bisschen besteht aber die Gefahr, dass die Bevölkerung sagt, na ja, der BN kümmert sich schon. Dass sie meinen, mit einer Unterschrift wäre schon genug getan. Manchmal hab ich den Eindruck, dass der BN eine Art Alibifunktion hat, da geben die Leute manchmal ganz gern die Verantwortung ab.
Was sagt der Blick in die Zukunft?
Also, ich glaube die Hauptarbeit wird sein, von weiteren Straßenbauten abzusehen. Einfach zu versuchen, dass der Individualverkehr nicht mehr ausgebaut wird. Das sieht doch heute jeder ein! Dann ist sicher auch beim Flugverkehr noch was zu tun: ein konsequentes Nachtflugverbot zu fordern und weitere Belästigungen für die Bevölkerung zu verhindern.
Sind Sie optimistisch, wie motivieren Sie sich für das Weitermachen?
Na ja, die Pessimist/innen haben uns bereits schon verlassen… Ich bin durchaus optimistisch, sonst könnte man die Arbeit nicht machen. Drum freuen wir uns über die anderen kleinen Aktionen. Die Pflanzentauschbörse zum Beispiel, ist jedes Mal sehr schön. Oder wenn wieder eine Expedition mit Wolfgang Dötsch stattfindet. Da sind wir alle voll dabei und das gibt wieder die Energie, weiter zu machen.
Frau Dr. Grau, wir danken für dieses Interview!
Bildunterschrift: Mitglieder der Ortsgruppe in Aktion
André Winkel (Redaktionsteam "Mauersegler")