Artikel im Mauersegler Nr. 3/2008 
  Glosse
 

Feinschmeckers Weihnachtsgedanken: Gans in Weiß

Landauf, landab müssen nun viele tausend Gänse, Enten und Co. ihr Leben lassen. Und selbst der Fuchs besorgt sich, wie allseits bekannt, sein weihnachtliches Bratenstück. "Fuchs, du hast sie ganz gestohlen", oder so ähnlich heißt es ja im Kinderlied. Dabei sollte Meister Reineke umsichtig zu Werke gehen. So einfach ist das nicht mehr. Noch leben viele Gänse in Ställen, Scheunen und anderen merkwürdigen Behausungen versteckt. Zudem könnte ja das Gänslein von einem darüber fliegenden Zugvogel (hat nichts mit der Bahn zu tun, die hält sich an keine Uhr, schon gar nicht an die innere der besagten Tiere) mit dem Vogelgrippevirus beworfen worden sein.
Und dann, manche dieser Tiere stammen ja nun wahrhaftig aus scheußlichen Massenquartieren und bekommen täglich so viele Antibiotika verabreicht, dass ein normaler deutscher Rotfuchs auf Grund eines Leberschadens gansgelb würde. Und als Gelbfuchs ist er weder in der Pelzindustrie noch im Märchen so recht zu gebrauchen. Und was für den Fuchs gilt, sollte man meinen, das hat auch für den Menschen Bedeutung.
Also, lieber gänslich verwöhnter Feinschmecker: Brate dir zu Weihnachten, trotz Sparmaßnahmen, keinen liegen gebliebenen Storch, greif aber auch nicht zur gequälten Masssengans aus der Kühltruhe beim Discounter um die Ecke, nur weil du dir die Antibiotika gegen deine Erkältung gleich mitsamt dem Weihnachtsbraten einverleiben willst. Als wahrer Gourmet gehst du zum Händler deines Vertrauens oder suchst dir ein Bäuerlein mit Bachanschluss und Gänsespielwiese und erstehst ein rechtschaffen genährtes, arzneimittelfreies, freischwimmgeübtes, ziemlich lange glücklich gelebt habendes Federvieh, welches besagter Landmann nur auf deine flehentlichen Bitten unter Tränen vom Leben zum Tode befördert (für Vegetarier gibt es ja immer noch die Gemüselasagne des örtlichen Frostfuhrunternehmers).
Fazit: Feinschmecker sind Naturfreunde, greifen dem heimischen Bauersmann unter die krisengeschüttelten Arme, schonen ihre Leber und verschaffen sich himmlische Genüsse zur Gänse/Gänze.
Für den schlimmsten Fall, dass nämlich ein Transitgeier im Vorbeiflug gerade unsere Weihnachtsgans mit diesem Virus versaut hätte, hat unsere hoch-wohllöbliche bayerische Staatsregierung ein paar hunderttausend Ampullen gehortet. Als weihnachtlichen Digestif sozusagen. Das sichert andererseits Arbeitsplätze. In der Schweiz.
Fröhliche Weihnachten!
Bildunterschrift: Reinhard Figel
Reinhard Figel