Artikel im Mauersegler Nr. 2/2011 
  Editorial
 

Liebe Mitglieder, liebe Freunde der Natur,

meine 30-jährige Mitgliedschaft im Bund Naturschutz und das runde Jubiläum der Ortsgruppe Zabo haben mich dazu gebracht, über die Sinnhaftigkeit meines Tuns nachzudenken. Vor 25 Jahren durfte ich mit dabei sein, als sich einige Aufrechte in Zabo trafen, um eine BN-Ortsgruppe ins Leben zu rufen. Fast gleichzeitig passierte das Unfassbare: der GAU in Tschernobyl. Angesichts dieser weltweiten Bedrohung erschien manchen unser Tun in Zabo als "Pritzelkram". Konnten wir irgendetwas bewirken? War nicht alle Mühe vergebens? Müssten wir uns nicht vielmehr um die großen Fragen der Menschheit kümmern?
Wir blieben unverzagt. Eingedenk des Mottos "global denken, lokal handeln" ergriffen wir Initiative vor Ort. Es zeichnet den BN und seine Dachorganisationen BUND und Friends of the Earth vor allen Umweltorganisationen aus, einerseits die weltweiten Probleme zu durchdenken, Handlungsvorschläge für die Politik zu entwerfen, andererseits aber auch zu versuchen, mit vielen Kreis- und Ortsgruppen Konkretes zu gestalten. Biotoppfl ege und Bachrenaturierung sind für uns jedoch kein Selbstzweck: Wir wollen Bewusstsein schaffen für die Schönheit einer vielfältigen Natur, just mitten in einer Großstadt. Was am Goldbach machbar ist, kann auch an der Pegnitz oder der Donau gelingen. Wenn in Nürnberg ein Stück Natur vor zerstörender Bebauung gerettet werden konnte, so prangert dieser Erfolg den Flächenfraß überzogener Ansprüche an. Diese Ansprüche müssen wir überdenken und ein neues Maß des Glücks finden.
Es ist nicht leicht, solches Denken in den Köpfen der Menschen zu verankern – vom Wähler und Verbraucher bis zum Macher oder politischen Entscheider; denken wir nur an den zähen Kampf um den Reichswald bei der geplanten Nordanbindung. Wir werden vor Rückschlägen auch in Zukunft nicht verschont bleiben.
Dennoch: Dass der BN einen guten Ruf hat, dass doch bei Einigen ein Umdenken einsetzt und die Aufgeschlossenheit für Umweltthemen wächst, ist nicht zuletzt der Verdienst der langjährigen, aufopfernden, praktischen Arbeit vor Ort. "Pritzelkram" lohnt sich!
Dass diese Aufgeschlossenheit auch bei Menschen mit Migrationshintergrund wächst, was bei den bekannten sprachlichen Schwierigkeiten und kulturellen Unterschieden nicht selbstverständlich ist, zeigt der bereits zum 2. Mal durchgeführte Aktionstag der Religionen (siehe Heftinneres). Weitere Gruppen haben schon Interesse bekundet. Hier kann eine "gemeinsame Wohngemeinschaft" in der uns allen gehörenden Stadtnatur heranwachsen. In Nürnberg mit seinem hohen Migrantenanteil ist dies besonders wichtig. (Übrigens habe ich selbst Migrationshintergrund: Meine Mutter stammt aus Böhmen, mein Vater hat oberpfälzische Wurzeln.) Wir wollen in einem neuen Arbeitskreis mögliche Themen ausloten, von der gemeinsamen Biotoppflege bis zu internationalen Umweltthemen. Bitte wenden Sie sich bei Interesse an einer Mitarbeit an unser Büro.
Mit den besten Wünschen für ein gedeihliches Miteinander in Nürnberg!
Günther Raß
1. Vorsitzender