Artikel im Mauersegler Nr. 2/2009 
  Virtuelles Wasser – unsichtbar und doch da
 

Wir verkünden stolz, dass der Wasserverbrauch in Deutschland seit 1990 von 145 l auf 126 l pro Kopf und Tag zurückgegangen ist. Der größte Teil wird nach wie vor für die Körperhygiene verwendet. Sauber! Wir schaffen uns wassersparende Elektrogeräte an, nutzen Grauwasser für Toilette und Waschmaschine, und betonen gerne, wassersparende Armaturen zu benutzen.
Gleichzeitig wird berichtet, dass in vielen Regionen mittlerweile mit bautechnischen Problemen gekämpft wird, weil aufgrund des zurückgegangenen Wasserverbrauchs die Grundwasserspiegel wieder ansteigen und somit zu veränderten Grundwasserbedingungen führen. Überflutete Keller, die Bausubstanz dauerhaft schädigen, erhöhte Wartung von Trinkwassersystemen und Wasserwerken sind die Folgen. Im Großraum Berlin werden Anstiege des Grundwasserspiegels zwischen einem und drei Metern beobachtet. Es muss mit steigenden Wasserpreisen gerechnet werden, weil die Fixkosten auf weniger Verbrauch umgelegt werden müssen.
Wir freuen uns, dass wir ein so umweltbewusstes Volk geworden sind, wir haben also alles getan, was wir in punkto Wassersparen für die Umwelt tun können – oder?
Und genau dann stolpern wir über einen Begriff, der die letzten Jahre Einzug in den deutschen Sprachgebrauch gehalten hat – virtuelles Wasser. Was ist virtuelles Wasser? Virtuelles existiert nicht, kann nicht gesehen werden, kann aber trotzdem da sein.
www.virtuelles-wasser.de lehrt uns, dass die stolzen 126 l pro Tag und Kopf nur ein sehr kleiner Teil unseres tatsächlichen täglichen Wasserverbrauchs sind – der bei 4.000 l pro Kopf und Tag liegt. Wo kommt diese Zahl her, haben wir doch so exakt zusammengerechnet, bei welchen Tätigkeiten wie oft welche Menge verbraucht wird?
Virtuelles Wasser ist der Wasserverbrauch, der während der gesamten Produktionskette eines bestimmten Produktes verbraucht, verdunstet oder verschmutzt wird.
Damit wird der Begriff virtuelles Wasser konkreter, wir sehen es den Produkten nicht an, aber können nachvollziehen, dass dieses existiert – aber in welchen Mengen?
für 1 Blatt Papier: 10 l
für 1 Baumwoll-T-Shirt: 2.000 l
für 1 kg Steak: 14.000 l
für 1 kg Kaffee: 20.000 l
für 1 Auto: 450.000 l
Daneben müssen auch Importprodukte und deren Transport berücksichtigt werden, außerdem wo welche Produkte hergestellt werden. So kann im regenreichen Assam leichter die erforderliche Wassermenge für Teepflanzen aufgebracht werden, als z. B. die für Tomaten im trockenen Südspanien.
Eine Darstellung, wie durch weltweiten Handel virtuelles Wasser imund exportiert wird, erlaubt der Wasser-Fußabdruck (water footprint). Obwohl Deutschland ein wasserreiches Land ist, importiert es gerade über landwirtschaftliche Produkte wie Kaffee, Kakao, Soja oder Baumwolle die Hälfte seines Wasser-Fußabdrucks, nämlich 79,5 Kubikkilometer. Dabei kommt der größte Wasseranteil aus Brasilien, der Elfenbeinküste und Frankreich.
Durch diese Rechnung sowie deren Berücksichtigung könnte man globale Wasserprobleme über die Grenzen hinweg lösen, zum Verständnis und zur Reduzierung unseres Ressourcenverbrauchs beitragen, indem z. B. wasserarme Länder Produkte mit geringem Wasserverbrauch anbauen oder herstellen und wasserintensive Waren einführen. Doch meist ist dies finanziell nicht möglich oder/und politisch nicht gewollt.
Doch was kann ich jetzt machen, außer mich über die globalen Zusammenhänge zu informieren? Um meinem Bild vom wassersparenden Umweltschützer wieder gerecht zu werden – oder es zumindest zu versuchen?
Unter der o. g. Internetseite können Infobroschüren heruntergeladen werden, wo wie viel virtuelles Wasser im Einkaufskorb versteckt sind. Ansonsten ist einem mit einem bewussten Einkaufsverhalten auch hier geholfen: Fleisch hat einen sehr hohen Bedarf an virtuellem Wasser. Vegetarier benötigen statt 4.000 l nur 2.800 l virtuelles Wasser. Durch reduzierten Fleischund Wurstkonsum kann so viel eingespart werden. Unser Trinkwasser in Europa kann auch getrunken werden. Abgefülltes Wasser verbraucht unnötig viel Energie. Produkte aus der Region benötigen wenig Transport-Kosten, eine Tomate kann in unserer Region leichter bewässert werden als in Spanien....
Das gilt im Kleinen auch für den eigenen Garten. Muss es der Zierstrauch sein, der täglich bewässert werden muss oder ist nicht ein einheimischer, an die regionale Klimasituation angepasste Baum ebenso schön?
Regina Jagusch