Sanfte Lösung für haarige Raupen
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Bund Naturschutz unterstützt den Einsatz von Bio-Lockstoffen gegen den
Eichen-Prozessionsspinner im Volkspark Dutzendteich Der von der Politik
geforderte Gifteinsatz wird vom Naturschutzverband wegen der
großflächigen Wirkung kritisch gesehen Plädoyer für
Vermeidung und alternative Verfahren
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Die rasche Ausbreitung des problematischen Eichen-Prozessionsspinners im
Stadtgebiet sorgt für Diskussionsstoff. Denn die giftigen Haare der Raupen
können bei Menschen z. B. starke Hautreizungen oder Atemwegsprobleme
hervorrufen. Doch ob großflächige Maßnahmen effektiv und
verhältnismäßig, sind wird vom Bund Naturschutz bezweifelt. So
führte die Stadt Nürnberg vor "Rock im Park" auf dem Gelände des
Volksparks Dutzendteich eine Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners
durch. Dabei wurde als Gift ein sogenanntes Bacillus-thuringensis-Präparat
(Bt) verwendet. Das hatte der Nürnberger Stadtrat übrigens auch mit
Billigung von Bündnis 90/Grüne entschieden.
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Weder selektiv noch biologisch
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Dieses Mittel schädigt nachweislich einen Großteil der auf Eichen
spezialisierten Schmetterlinge und zahlreiche andere Insektenarten. Herr Rudi
Tannert aus Langwasser, einer der besten regionalen Schmetterlingsspezialisten,
hat ganz aktuell für den BN die potenziell betroffenen Schmetterlingsarten
geschätzt. Danach sind allein bei einer Besprühung von Eichen etwa 125
Schmetterlingsarten im Nürnberger Raum von einem Bt-Einsatz akut betroffen.
Die Zahl der übrigen bedrohten Insektenarten lässt sich auch von
Experten kaum schätzen.
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Der Bund Naturschutz sieht im Gifteinsatz nicht nur einen gravierenden Eingriff
in die wertvolle Schmetterlingsfauna des Volksparks. Als Grundlage der
Nahrungspyramide sind auch Fledermäuse und Vögel im
schützenswerten Altbaumbestand massiv von dem Eingriff betroffen.
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Die häufige Darstellung, dass es sich bei Bacillus-thuringensis-Mitteln um
selektiv wirksame Insektizide handele, wurde damit eindeutig entlarvt.
Biologisch ist einzig der unproblematische Abbau des Giftes in der Natur. Auch
wenn Bacillus-thuringensis-Mittel im Bioanbau verwendet werden, spielt das in
diesem Fall keine Rolle. In der Landwirtschaft will man gerade alle
Fraßfeinde treffen, während dies in einem natürlichen
Ökosystem eine dramatische Störung bedeutet. Zudem sind
Pflanzenschutzmittel laut Gesetz allgemein nur für Land- und
Forstwirtschaft zugelassen. Von Parkanlagen ist keine Rede.
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Eichen als geschützte Naturdenkmäler
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Nicht nur für die normalen Besucher ist der Volkspark Dutzendteich eine
Naturoase auch viele seltene Tiere haben hier Zuflucht gefunden. Besonders
schützenswert sind etliche alte Bäume im Parkgelände und die
Uferzonen der Gewässer mit ihrem dichten Schilfzonen.
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Im zentralen Park befinden sich zwei Geschützte Landschaftsbestandteile (LB
Nr. 3.17 und 1.20, eine Art kleines Naturschutzgebiet) sowie sieben
Naturdenkmäler (ND-Nr. 3137), darunter fünf einzelne Alteichen
und eine Eichenallee.
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Eigentlich dürfen Naturdenkmäler nach dem Pflanzenschutzgesetz nicht
mit Insektiziden behandelt werden. Auch der Einsatz am Gewässer ist
untersagt. Der Bund Naturschutz hatte daher bei der Regierung von Mittelfranken
für den Bt-Einsatz ein ordnungsgemäßes Genehmigungsverfahren
eingefordert. Daraufhin veranlasste die Behörde eine spezielle
artenschutzrechtliche Prüfung (saP), wie sie das Naturschutzrecht
vorschreibt und erstellte mit Auflagen eine Ausnahmegenehmigung. Der Einsatz des
großflächig wirksamen Gifts Nemazal wurde verboten.
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Ausschließlich finanzielle Gründe
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Bund Naturschutz hat daher die Stadt Nürnberg aufgefordert, eine
umweltschonende manuelle Bekämpfung der Prozessionsspinner-Nester
durchzuführen. Nur damit können ausschließlich
Eichenprozessionsspinner und keine anderen Tiere bekämpft werden. Denn aus
Sicht des BN hat der Insektizideinsatz allein finanzielle Gründe. Nach
Angaben der Nürnberger Baumpflege kostet die Besprühung eines ca. 15
Meter hohen Baums 60 Euro, während das manuelle Absammeln der Nester mit
ca. 140 Euro zu veranschlagen ist. Eine Differenz von 80 Euro pro Baum sollte
aber zumindest die Pflege der Naturdenkmäler, von denen es in Nürnberg
nur etwa 40 gibt, wert sein.
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Verhältnismäßigkeit der Mittel!
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Der Bund Naturschutz mahnt bei der Bekämpfung der Prozessionsspinner auch
eine gewisse Verhältnismäßigkeit der Mittel an. 2008 gab es nach
Auskunft des BRK bei Rock im Park weniger als zehn Betroffene, die wegen der
akuten Reizung durch Spinnerhaare behandelt werden mussten. Zeckenbisse und
Wespenstiche sind für viele Festivalbesucher sicher eine deutlich
gravierendere Gefahr. Gegenüber den selbst verursachten Gesundheitsgefahren
der Rockfans durch Alkohol etc erscheinen die Schmetterlingshaare z. T.
fast vernachlässigenswert.
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Geringe Wirksamkeit
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Dabei kann auch nach erfolgter Besprühung der Bäume im Volkspark
niemand sicher sein. Nach Aussage des Amtes für Landwirtschaft und Forsten
(ALF) liegt die Wirksamkeit von Bt-Präparaten bei etwa 60 %, bei
schlechtem Wetter kann sie noch deutlich geringer sein. D. h. selbst bei
erfolgreicher Behandlung überleben etwa 40 % Prozent der Spinnerraupen.
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Von den unbehandelten Waldgebieten im Osten des Geländes können auch
sofort wieder Schmetterlinge einwandern, da die erwachsenen Tiere problemlos
zwei Kilometer weit fliegen.
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Geld für Nachpflanzungen statt Gift gegen Nachtfalter!
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Fazit: Alle Bekämpfungsversuche lösen das Problem nur unzureichend und
kurzfristig. Für den vergeblichen Ausrottungsfeldzug werden aber immense
Mittel des knappen städtischen Grünflächenetats verschwendet.
Gelder, die für eine dauerhafte Pflege des Volksparks besser angelegt
wären. Denn gerade dieser Park hatte in den letzten Jahren massiv unter
Großveranstaltungen zu leiden.
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Von einst über 2.900 Bäumen sind nach Auskunft des städtischen
Baumkatasters nur noch 2.431 vorhanden. Die Lücken der dramatischen
Fällarbeiten sind für viele Parkbesucher augenfällig. Was fehlt
ist aus Sicht des BN ein schlüssiges Besucherkonzept für Rock im Park.
Gefährdete Bereiche müssen sicher mit Bauzäunen abgesperrt
werden. Dadurch lässt sich die Gesundheitsgefahr minimieren und die Natur
wirksam schützen. Die Verantwortungslosigkeit liegt nicht in der fehlenden
Bekämpfung, sondern darin zigtausende von Besuchern unter hochgradig
befallenen Bäumen defilieren zu lassen.
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Folgende Richtlinien müssen zusammenfassend aus Sicht des Nürnberger
BNs für den Umgang mit dem Eichenprozessionsspinner gelten:
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1. Dass der Prozessionsspinner in bestimmten Situationen bekämpft werden
muss, steht auch beim BN außer Frage. Der großflächigen
Verbreitung des Falters in unseren Wäldern und Parkanlagen ist weder mit
Gift noch mit alternativen Verfahren dauerhaft und effizient beizukommen. Von
der an Hysterie und Aktionismus grenzenden Phase wird man zu gewissen Formen der
Akzeptanz finden müssen.
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2. Alternativen Verfahren ist bei der Bekämpfung der Vorzug zu geben. Dazu
zählen neben dem Einsatz der Bio-Lockstoffe (Pheromone) auch das
bewährte Absammeln der Nester, das Abflammen oder das Besprühen mit
Wasserglas.
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3. Befallene Bäume oder Gehölzbestände sollten unbedingt
grundsätzlich mit Warnschildern gekennzeichnet werden. Gegebenenfalls ist
eine Absperrung mit Bändern oder in Einzelfällen mit Bauzäunen
(z. B. bei Großveranstaltungen) durchzuführen. Dies gilt auch
nach dem Einsatz von Giftstoffen. Große Besuchermengen direkt unter stark
befallenen Bäumen zuzulassen ist in jedem Fall verantwortungslos.
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4. Vor einem Gifteinsatz ist eine genaue Befallsprognose zu erstellen. Der quasi
präventive und großflächige Einsatz ökologisch
hochproblematischer Gifte (z. B. an Autobahnrändern etc.) ist aus
Sicht des Naturschutzes nicht akzeptabel.
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5. Beim Einsatz von Giften sind die einschlägigen Bestimmungen des
Naturschutz- und Umweltrechts zu beachten (z. B. Pflanzenschutzgesetz).
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Pheromon ein moderner und ökologischer Weg
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Angesichts dieser Tatsachen wird die aktuelle Initiative des Servicebetriebs
öffentlicher Raum (SÖR) zur Ausbringung von Pheromonfallen vom BN
ausdrücklich begrüßt. Für Süddeutschland ist dies der
erste Einsatz des Verfahrens. Die Stadtverwaltung hat damit absolut konstruktiv
auf die Anregungen des Naturschutzverbandes reagiert. Der Bund Naturschutz
hofft, dass der Einsatz von Gift damit in Zukunft weitgehend minimiert werden
kann.
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Wolfgang Dötsch, Diplom-Biologe
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