Artikel im Mauersegler Nr. 2/2008 
  Schmetterlinge im Bauch?
 

Wenn die Motten das Müsli erobern

Motten sind Schmetterlinge. Die Falter sind die Erwachsenen der Familie und dienen "nur" der Vermehrung. Als Münder haben sie lange dünne Saugrüssel, mit denen sie allerhöchstens Nektar saugen können, oder Wasser, oder gar nichts. Fressen tun die Kinder, die wir Raupen nennen. Die Raupen schlüpfen aus Eiern, die die weiblichen Falter möglichst in die Nähe der Nahrung legen.
Die neugeborenen Räupchen sind winzig klein und unternehmungslustig. Die ersten zwei Tage können sie ohne Nahrung auskommen. Für leckeres Müsli oder Trockenfrüchte haben die Kleinen einen hervorragenden Riecher, von dem wir nicht mal träumen können. So finden sie ihren Weg ins Müsli leicht selbst, wenn es einen gibt. Zur Not bohren sie ihn sich.
Meistens finden sie eine Lücke zwischen den Falten der Tüten. Selbst an Schraubwindungen wandern sie gelegentlich entlang, wenn sie einen losen Deckel finden. Auch muss es keine ganze Packung sein. Heruntergefallene Reste ganz hinten im Regal und hinter dem Schrank genügen ihnen vollkommen, solange sie nicht dauernd gestört werden.
Bestes Mittel: öfter mal stören!
A propos Störung: Stellen Sie sich mal vor, Sie sind während eines Orkans im Schiffsbauch, und die Einrichtung fliegt Ihnen um die Ohren. So ergeht es den kleinen Raupen, wenn jemand zur Tüte greift. Das hält auf die Dauer keiner aus – schon gar nicht zarte Räupchen zwischen harten Körnern und Mehlstaub. Wenn wir öfters mal mitessen, geht ihnen das schnell an die Substanz.
Dörrobstmotte - Falter
Dörrobstmotte (Plodia interpunctella) – Falter
Unter 18 ºC Temperatur ist ihnen Nacht, da werden sie steif. Wer sich nicht bewegt, kann natürlich auch nicht fressen. Dafür leben sie dann länger. Je wärmer es wird, desto schneller laufen, fressen, leben und lieben sie – am besten bei 18 bis ca. 30 ºC.
Die Feinde der Mottenkinder
Eine Nacht im Tiefkühlfach oder eine halbe Stunde im Backofen ist das sichere Ende der Motten. Lebensgefährlich auch der Staubsauger. Einmal "hfffft" – und man ist einfach weg, und die leckeren Körner gleich mit. Diese neumodischen Twist-off-Gläser mögen die kleinen Mottenkinder auch nicht. Sie stehen nur im Weg. Man kommt weder hinein noch hinaus. Das Leben ist also voller Tücken für die jungen Schmetterlinge in spe...
Lebenskreislauf der Dörrobstmotte
Stadium Dauer
Die Weibchen legen <100 bis >370 Eier in die Nähe der Nahrung.
Schlüpfen der Räupchen nach 1½ bis 6 (10) Tagen
Die 5 bis 7 (10) Larvenstadien dauern je nach Temperatur und Nahrung 13 bis 288 Tage
Wanderstadium der ausgewachsenen Raupen bis zu 400 m 3 bis 10 Tage
Puppenruhe (mit Diapause bis zu mehreren Monaten) 12 bis 43 Tage
Lebensdauer der Falter 3½ Tage
Gesamtdauer, je nach Temperatur, Nahrung, Feuchtigkeit und Licht 32 bis 320 Tage
Da kriegt man ja die Motten...
Wer alle Abenteuer heil übersteht, ist irgendwann endgültig satt und begibt sich auf die Suche nach einem kleinen, engen, dunklen Loch. Warum? Die Raupe weiß das noch nicht, aber wir ahnen es schon: Sie will sich verpuppen. Auf der Wanderschaft kann die Raupe bis zu 400 Meter Strecke zurücklegen. Den Rest Müsli können Sie haben. Auch aufräumen und saubermachen können Sie jetzt, denn die Raupe ist in ihrem dunklen Versteck in Sicherheit – wenn sie eins findet. Schlimm ist natürlich, wenn irgendein Depp alle Löcher verstopft hat... aber da ist ja noch eins – und dann wird die Raupe ganz müde. Sie spinnt sich ein.
Auch Fallen nützen jetzt nichts mehr
Und irgendwann ist es soweit: ein prächtiger junger Falter erblickt das Licht der Welt. Er freut sich und Sie beginnen die Jagd, allerdings zu spät. Auch Fallen nützen jetzt nichts mehr. Sie fangen nur die Erwachsenen und davon nur die Männer. Bei offenem Fenster im Sommer sogar die der Nachbarn gleich mit, denn der Lockstoff ist ungeheuer wirksam. Ein einziger übrig gebliebener Mott genügt jedoch für ein gutes Dutzend Frauen. Er heiratet sie alle.
Raupen als Stimmungsbarometer
Wenn ich in einer Tüte kleine Raupen finde, frage ich mich jedes Mal neu, ob sie wirklich so eklig sind, dass ich alles wegwerfen muss. Anderswo sind die Menschen froh über jede Fleischeinlage. Die Antwort ist durchaus verschieden und hängt u. a. davon ab, wie es mir sonst geht. Meine Raupen sind mir Stimmungsbarometer. Mitgegessen habe ich sie bisher allerdings noch nicht.
Fotos: © Insects Limited Inc.
weitere Bilder, public domain:
Wikipedia: Dörrobstmotte
Bestimmungshilfe des Lepiforums: Plodia_Interpunctella
Eva Scholl (Dipl.-Biol./Schädlingsbiologie, Redaktionsteam "Mauersegler")
www.evascholl.de
Dörrobstmotte - Raupe
Dörrobstmotte – Raupe, Farbe wie die Nahrung