Artikel im Mauersegler Nr. 2/2008 
  Interview
 

Ein starker Partner bei der Artikulierung von Umweltinteressen

Interview mit Dr. Peter Pluschke, Umweltreferent der Stadt Nürnberg
Das Frühjahr hat nicht nur ein neues Stadtparlament gebracht, sondern auch einen Wechsel im Umweltreferat. André Winkel und Mathias Schmidt von der Mauersegler-Redaktion sprachen mit dem neuen Umweltreferenten Dr. Peter Pluschke über Zielsetzungen und Schwerpunkte der kommenden Jahre.
Mauersegler: Herr Dr. Pluschke, die Fußball-EM ist vor wenigen Tagen zu Ende gegangen. Das Sommermärchen Teil 2 lockte die Menschen in Massen wieder vor die Großbildleinwände. Wo haben Sie sich das Endspiel angesehen?
Dr. Pluschke: In einem kleinen Biergarten im Hummelsteiner-Park.
MS: Also keine große Veranstaltung?
Dr. Pluschke: Nein, nicht die große Sause, sondern direkt vor meiner Haustür. Ich bin mit dem Fahrrad hin und auch wieder zurück gefahren.
MS: Nun finden Großveranstaltungen wie Rock-im-Park oder Public-Viewing eine immer größere Anhängerschaft. Nicht selten gehen solche Events auf Kosten von Natur und Umwelt. Lässt sich hier eine Lösung finden, die solchen Massenveranstaltungen Einhalt gebietet?
Dr. Peter Pluschke
Dr. Peter Pluschke, Umweltreferent Stadt Nürnberg  (Bildautor: Ralf Schedlbauer, Stadt Nürnberg)
Dr. Pluschke: Nun, das ist mit Sicherheit sehr schwierig. Jede Veranstaltung hat ihr eigenes Profil. Rock im Park hat seine speziellen Probleme durch die überbordende Inanspruchnahme der öffentlichen Flächen. Da werden Flächen in Anspruch genommen, die eigentlich nicht freigegeben sind. Die Schilfzone am Silbersee ist der aus Naturschutzsicht wohl dramatischste Bereich. Die Teichrohrsänger, die dort brüten, haben bereits zum zweiten Mal ihre Brut verloren. Das ist einfach nicht akzeptabel.
Beim Public Viewing während der EM wurden die Fan-Massen auf befestigte Plätze im Innenstadtbereich gelenkt. Das Problem mit den Grünflächen entstand, als Deutschland ins Endspiel kam. Die innerstädtischen Bereiche reichten nicht aus und die Polizei sah Probleme, wenn zu viele Menschen auf diese geringe Fläche strömte. So wurde kurzfristig beschlossen, die Tür zur Wöhrder Wiese zu öffnen. Aus Sicht der Ordnungskräfte war sicherheitstechnisch kein anderer Weg mehr zu gehen, und da haben wir uns dann auch nicht widersetzt. Rückblickend sind wir da mit einem blauen Auge davon gekommen. Man muss aber auch gleichzeitig dazu sagen, es ist nicht nur ein Naturschutzproblem, sondern auch ein Problem der Lärmbelästigung. Das tritt für die Bevölkerung zunehmend in den Vordergrund. Wir werden uns viel mehr als in den letzten Jahren in Zukunft auch mit dem Lärmschutz beschäftigen müssen.
MS: Eine erhebliche Lärmbelästigung haben wir auch durch Projekte wie die Nordanbindung des Flughafens an die Autobahn. Wie stehen sie zu diesem verkehrspolitischen Großprojekt?
Dr. Pluschke: Die Nordanbindung ist aus meiner Sicht ein völlig überflüssiges Projekt, zu dem es Alternativen gibt. Der Verkehrsdruck ist hier nicht besonders hoch. Es wird ein Naturraum vernichtet, den wir in Nürnberg bitter nötig haben und insofern ist das ein Projekt, das ich ablehne. Es ist aber so, dass es sich hier um ein Projekt des Freistaates Bayern und nicht um eine kommunale Straße handelt. Der Planungsstand ist bereits weit fortgeschritten und die Interventionsmöglichkeiten sind außerordentlich schmal. Das ist bitter, aber so ist es.
MS: Kann man noch etwas über öffentlichen Druck aus der Bevölkerung erreichen?
Dr. Pluschke: Die allerbeste Bewegung käme bei der Landtagswahl zu Stande, wenn das Votum in die entsprechende Richtung geht. Das ist meines Erachtens die einzige Chance dieses Projekt noch zu stoppen. Machtverlust der CSU wäre der Punkt, an dem sich das entscheidet.
MS: Also ein neuer Ministerpräsident, der nicht aus den Reihen der CSU kommen würde.
Dr. Pluschke: Dazu wäre es an der Zeit; Wechsel gehört zur Demokratie.
MS: Ob Nordanbindung oder Frankenschnellweg, bei den Verkehrsprojekten stehen die großen Parteien eng bei einander. Wie sind Ihre Erfahrungen nach den ersten Monaten als Umweltreferent? Kann man gegen diese Allianz etwas bewegen?
Dr. Pluschke: Als ich das Amt angetreten habe, hatte ich zwar die Hoffnung eine etwas breitere politische Mehrheit hinter mir zu haben. In der jetzigen Situation ist das ein alltägliches Suchen nach Kompromissen. In der Verkehrspolitik wird es sehr schwierig sein, eine Kompromisslinie zu finden. Die großen Parteien haben sehr eindeutig die großen Projekte vereinbart. Ich werde gestalterisch besonders in den Bereichen einsteigen, die für mich als Umweltreferent unter Luftgütefragen wichtig sind, wie zum Beispiel das Radwegenetz, den Fußgängerverkehr und den öffentlichen Nahverkehr.
MS: Wie hat man sich den Zusammenhang von Luftgüte und Individualverkehr konkret vorzustellen?
Dr. Pluschke: Gemeinsam mit dem Verkehrsplanungsamt können wir versuchen die Achsen zu fördern, die eine Chance bringen Berufsverkehr vom Auto auf das Fahrrad umzulenken. Leute die bisher eine Entfernung von 5 Kilometern in der Stadt mit dem PKW zurückgelegt haben, fahren dann eben mit dem Fahrrad. Das Fahrrad wurde bisher als eine Art Freizeitverkehr angesehen. Gelingt uns hier ein Umdenken, bringt das auch entlastende Effekte für die Luftgüte, die wir dringend brauchen. Genauso bin ich froh darüber, dass wir ein klares Votum für die Straßenbahn in der Pillenreuther Straße haben. Da rechnet die VAG mit Größenordnungen von 800 bis 900 Umsteigern am Tag. Das ist eine Zahl, die ist greifbar und für mich auch luftgütemäßig bewertbar. Das zweite Projekt, auf das ich setze, ist die Stadtbahn Richtung Erlangen. Die Erlanger scheinen ihre reservierte Haltung allmählich aufzugeben. Diese Projekte würden uns eine enorme Erleichterung in Hinblick auf die Reduzierung des individuellen Pkw-Verkehrs bringen. Mir geht es dabei vor allen Dingen um den Luftreinhalteplan zur Sicherung einer vertretbaren Luftqualität in Nürnberg.
MS: Wie sieht es mit der Verbesserung des innerstädtischen Grüns aus?
Dr. Pluschke: Das ist ein Punkt, der ist in der Vereinbarung zwischen SPD und CSU relativ deutlich angesprochen. Beide großen Parteien möchten eine Grün- und Straßenbaumoffensive. Wie sich das ausgestaltet, ist frühestens bei den Haushaltsberatungen zu sehen. Das kostet Geld. Man muss Mittel in die Hand nehmen. Ein weiteres Problem ist, dass ich nach der heutigen Beschlusslage im nächsten Jahr dafür keine Zuständigkeit mehr habe, da Gartenbauamt, Tiefbauamt und Straßenreinigung als neuer städtischer Eigenbetrieb zusammengefasst werden. Dieser Service öffentlicher Raum, kurz SÖR, ist dann beim 2. Bürgermeister angesiedelt.
MS: Was ist dann mit den Planungskapazitäten für den öffentlichen Raum?
Dr. Pluschke: Von der Planung für den Öffentlichen Raum bleibt die Freiraumplanung bei uns. Dieser SÖR ist eine operative Größe, ein Dienstleister. Die Planungshoheit bleibt beim Stadtplanungs-, Umwelt-, und Verkehrsplanungsamt.
MS: Mehr Qualität bei Straßenbäumen und innerstädtischem Grün würde längere Lebensdauer der Bäume bewirken und somit auch langfristig Kosten sparen. Was haben wir in diesem Bereich zu erwarten?
Dr. Pluschke: Das was wir heute sehen ist ein Produkt der Entwicklung der letzten zehn Jahre, und die waren dadurch gekennzeichnet, dass die Mittel immer knapper wurden. Hier setzt jedoch ein Umdenken ein, und zum Beispiel die Forderung nach attraktiv gestalteten Baumscheiben höre ich immer wieder in den Bürgerversammlungen. Das Problem stellt sich in vielen Städten. Wir haben uns da einer Initiative der Stadt Prag angeschlossen. Prag hat eine ähnlich strukturierte Altstadt wie Nürnberg: viel Stein und wenig Grün. Prag hat europäische Nachbarstädte eingeladen zu einer Initiative "Förderung des Grüns in der Stadt". Für dieses Ziel können möglicherweise auch europäische Fördermittel aktiviert werden. Da werden wir dann gemeinsam mit Wien, Berlin, Warschau und Bratislava darüber nachdenken, wie wir von Ad-hoc-Entscheidungen hin zu einer langfristigen Planung kommen, die dann eine naturnähere Gestaltung unseres Wohnumfeldes zum Ziel hat.
MS: Herr Dr. Pluschke, wir wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihre Arbeit und die Verwirklichung Ihrer Ziele als Umweltreferent. Wir werden da bestimmt noch mal nachfragen, was aus den Projekten geworden ist.
Dr. Pluschke: Darauf freue ich mich und ich stütze mich auch darauf, dass der BN ein starker Partner bei der Artikulierung von Umweltinteressen ist. Ein Stück weit ist die Arbeit des Umweltreferenten davon abhängig, dass die Gesellschaft das auch will, was das Referat vertritt. Nur da wo sich Mehrheiten bilden lassen, werden wir erfolgreich sein.
MS: Herr Pluschke, wir bedanken uns für das Gespräch.
André Winkel (Geschäftsführer)
Mathias Schmidt (Arbeitskreis Straßenbäume)