Artikel im Mauersegler Nr. 2/2008 
  Interview
 

"In einem Bächlein helle..." – Projekt "Die Stadt und ihre Bäche"

Früher war er eine Selbstverständlichkeit, die so manchen Forellenangler erfreute. Heutzutage sind naturnahe Bäche leider eher eine Seltenheit und müssen geschützt werden.
In den eher unscheinbaren Biotopen der Bäche und Gräben, haben Biologen immerhin über 2.000 verschiedene Tierarten und mehr als 100 Pflanzenarten nachgewiesen Von den mehr als 80 Gewässern 3. Ordnung, so lautet der korrekte Verwaltungsbegriff, die sich auf dem Gebiet der Stadt Nürnberg befinden, sind jedoch 71 % in einem ökologisch katastrophalen bzw bedenklichen Zustand. Ein unhaltbarer Zustand und damit eine große Herausforderung für den BN in Nürnberg.
MS-Redakteurin Marlene Wankel und MS-Redakteur André Winkel sprachen mit Oliver Schneider, Mitglied der Agenda-21-Gruppe Die Stadt und ihre Bäche über die Renaturierung von Bachläufen und zukünftige Projekte.
Herr Schneider, was ist das Anliegen der Projektgruppe Bachrenaturierung?
Wir wollen die Nürnberger Bäche und auch Gräben, die viele Leute auch gar nicht wahrnehmen, in einen naturnahen Zustand versetzen. So wie wir sie vorfinden, erfüllen sie nicht ihre ökologische Funktion, sprich: sie bieten keinen Lebensraum für Pflanzen oder für die heimische Tierwelt.
Projektgruppe "Die Stadt und ihre Bäche"
Von links: Dr. Pluschke (Umweltreferent), Dr. Brunner (Gutachter), Oliver Schneider (Leiter Projektgruppe "Die Stadt und ihre Bäche")
Foto: Hiltrud Gödelmann
Diese Bäche haben eine wichtige Biotopvernetzungsfunktion. Es geht darum, Durchlässigkeit oder Durchgängigkeit für Wasserorganismen zu schaffen, für Amphibien, für Fische, Wasservögel, Kleinlebewesen. Diese Durchgängigkeit ist ein wichtiges Kriterium, sonst gibt es verinselte Populationen, usw.
Wie arbeitet die Gruppe?
Das läuft immer in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Gerhard Brunner, Diplombiologe und Lehrer Er hat im Jahr 2000 den ersten Bericht verfasst, eine akribische Bestandsaufnahme über die Anzahl der Bäche und deren Zustand. Um eine Aktion anzuleiern ist erst mal sehr viel Vorarbeit notwendig. Diese Vorarbeit mit Herrn Dr. Brunner ist sehr wichtig. Dann gibt es sehr viele Dinge, die mit den Behörden geklärt werden müssen. Dann und wann braucht das Amt wieder länger, um eine Stellungnahme abzugeben, oder wir müssen auf Gutachten warten. Unsere Tätigkeit ist immer konkret bezogen auf einen bestimmten Bach.
Wir treffen uns nicht regelmäßig, die Zusammenkünfte sind eigentlich erst bei den konkreten Aktionen. Dann werden meistens die Ortsgruppen, in deren Gebiet der Bach dann liegt, einbezogen. Oft wurden auch Bürger und Anwohner mit einbezogen.
Die Leitung dieser Projektgruppe hat Dr. Brunner?
Ja, er ist schon, muss man wirklich sagen, die treibende Kraft. Er ist auch einfach der beste Kenner aller Nürnberger Bäche und Gräben und hat auch die Berichte für die einzelnen Stadtteile verfasst. Es steckt unglaublich viel Arbeit darin!
Die Arbeit an diesen Berichten wurde auch, zum Teil zumindest, aus Mitteln der Agenda 21 finanziert.
Zu unserer Arbeit gehört auch die Bekämpfung der Neophyten. Das sind Pflanzen, wie die Herkules-Staude oder das Indische Springkraut, die nicht zur einheimischen Flora oder Fauna gehören, und sich stark ausbreiten, und so auch die einheimischen Pflanzen und Tiere verdrängen können.
Zum Beispiel haben wir letztes Jahr am Mettingweiher (Fortsetzung vom Goldbach) die Herkules Staude versucht auszumerzen. Beim Eichenwaldgraben haben wir auch immer wieder mit der Herkulesstaude zu kämpfen. Es gibt sogar zweimal jährlich eine Aktion, bei der sie zurückgedrängt wird, wir versuchen sie mit der Wurzel zu entfernen. Eine spezielle BN-Gruppe, die sich mit der Bekämpfung der Neophyten befasst, gibt es nicht, aber es gibt die Gruppe "Biotoppflegemaßnahmen".
Wie stark ist die Gruppe?
Es sind immer wieder die gleichen, es sind Leute, die schon seit Jahren dabei sind, der harte Kern sind 4 oder 5 Leute, die machen treu immer wieder mit – ehrenamtlich! Es ist wirklich schwierig, wir haben es auch oft schon probiert, mal neue Gesichter zu gewinnen. Es wäre natürlich schön, wir hätten mehr Mitkämpfer und "Mitanpacker", wir leiden nämlich schon unter der recht dünnen Personaldecke. Eine gute Möglichkeit wäre auch, die sich neu bildende Jugendgruppe mit einzubinden, denn bei uns sind teilweise Leute, die so langsam ein bisschen in die Jahre gekommen sind – die Kräfte werden nicht mehr.
Wie ist die Gruppe entstanden?
Ich bin seit dem Jahr 2000 dabei, das ist auch so ziemlich der Zeitpunkt der Vorstellung der Gewässerbestandsaufnahme vor dem Umweltausschuss. Danach hat sich erst die Gruppe gegründet und die Arbeit entwickelt.
Den allerersten Anfang hat Dr. Gerhard Brunner zusammen mit unserer damaligen 1. Vorsitzenden, Frau Therese Mayerle, gemacht. Diese Arbeit wurde damals zur Projektgruppe erklärt, d. h., als eine der langfristigen Hauptaufgaben auserkoren.
Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit mit den Behörden?
Unsere Zusammenarbeit mit den Behörden ist sehr intensiv, vor allem mit dem Tiefbauamt natürlich. Amtsdeutsch nennen sich diese kleinen Bäche "Gewässer dritter Ordnung" und dafür ist in Nürnberg das Tiefbauamt zuständig.
Wir müssen uns da schon absichern, so ist die Einholung einer Genehmigung ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Auch wenn es kein Wasserrechtsverfahren gibt, müssen wir zumindest eine Genehmigung erteilt bekommen, dass wir da eingreifen dürfen. Zum Beispiel kommt es absurderweise auchvor, dass man für eine Bachrenaturierung eine "Umwelt- Verträglichkeitsprüfung" vorlegen muss!
Dinge wie das Gewässerrandstreifen-Projekt müsste das Landwirtschaftsamt kontrollieren, mit dem wir aber wir so gut wie gar nichts zu tun haben. Wir haben fast ausschließlich mit dem Tiefbauamt zu tun, da kennen wir unsere Ansprechpartner, die sind sehr wohlwollend unserem Anliegen gegenüber. Ansonsten haben wir auch mit dem Wasserwirtschaftsamt zu tun. Die sind für die größeren Gewässer zuständig.
Hat die Gruppe aktuelle Projekte oder in Planung?
Pläne und Projekte gibt es schon, aber man braucht einen langen Atem. Manchmal gibt es auch einen kleinen Kompetenzstreit zwischen den Behörden oder wir müssen warten, bis das Wasserrechtsverfahren abgeschlossen wird.
Wie hängt Ihre Arbeit mit der Nürnberger Agenda 21 zusammen
Der Agenda-Rat tagt vier Mal jährlich, da sind wir immer dabei. Die Agenda hat die Vorgabe, keine konkreten Maßnahmen zu finanzieren, also, wir können da nicht von dem Geld Wasserpflanzen oder Kokosmatten zur Uferbefestigung kaufen, sondern es geht um Öffentlichkeitsarbeit. Das Geld ist also gedacht, um zum Beispiel Broschüren drucken zu lassen, Informationsmaterial, oder für wissenschaftliche Untersuchungen, Tafeln, Plakate. Ziel ist es, in der Bevölkerung für die Verständnis Renaturierung zu wecken.
Ist diese Öffentlichkeitsarbeit Ihrer Meinung nach erfolgreich?
Die Mehrheit der Bevölkerung steht dem Ganzen sehr wohlwollend gegenüber. Bei den konkreten Aktionen, haben wir sehr viel Zuspruch, auch spontan von Passanten.
Es gibt allerdings, wie es oft halt so ist, immer noch, oder immer wieder, Gegner. Es hat zum Beispiel Beschwerden gegeben, da würden etwa Liegewiesen wegfallen. Etwa am Aussiger Platz, weil der Bach dort jetzt natürlicher verläuft, dadurch auch mal überflutet ist oder es bildet sich eben eine Sandbank. Andere Beschwerden waren zum Beispiel, dass die Jugendlichen jetzt dort nicht mehr Fußballspielen können. Das ist das Dilemma in der Stadt, dass es diese konkurrierenden Nutzungen gibt. Das geringste Verständnis, könnte man sagen, ist bei den Landwirten da. Die haben eine andere Denkweise, für sie muss das Land auch genutzt werden, jeder Quadratmeter.
Der Goldbach am Aussiger Platz
Der Goldbach am Aussiger Platz  Foto: André Winkel 
Den Goldbach ausgenommen sind die meisten Bäche insgesamt eher unbekannt?
Dass viele Bäche den Nürnbergern ganz unbekannt sind, kommt sicherlich daher, dass die meisten fast überall verrohrt sind, daher können sie gar nicht als Bach wahrgenommen werden. Das könnte sicherlich noch verbessert werden. Diese Arbeit ist auch Teil der ganzen Sache, das Informationsmaterial wird ja auch aus Mitteln der Agenda 21 finanziert.
Einige Male waren Schülergruppen dabei, da lief der Kontakt über die Lehrer. Herr Dr. Brunner ist ja selbst auch Biologielehrer und leitet eine Neigungsgruppe Ökologie an seiner Schule. Aus dem Kreis haben wir auch schon mit ganzen Schulklassen zusammengearbeitet (auch ältere Schüler, die schon richtig zupacken können). Auch mit Grundschulkindern haben wir gearbeitet, wie am Wetzendorfer Landgraben, dort hat die benachbarte Schule mitgeholfen.
Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach, dass die Nachbarschaft von den Renaturierungsarbeiten erfährt und mitmacht?
Wichtig ist es auf jeden Fall, dass die Bürger beteiligt werden, das hat einen großen Einfluss auf die Akzeptanz. Die Leute identifizieren sich dann auch mehr damit, der Bekanntheitsgrad der ganzen Aktion steigt einfach! Diejenigen, die sich daran beteiligen, erzählen es weiter, sind also Multiplikatoren. Wir vermeiden damit, dass die Anwohner überrumpelt werden und unsere Arbeit als Einmischung durch Fremde empfinden.
Wie finanziert sich die Arbeit der Gruppe?
Zunächst, das muss man sagen, arbeiten wir beispiellos billig. Wenn die Stadt selber diese Arbeiten machen würde, käme es horrend teuer (eigentlich wäre es Aufgabe der Stadt, sich um den Unterhalt der Gewässer zu kümmern). Die Behörden müssten eine regelrechte Ausschreibung machen und zum Beispiel professionelle Planungsbüros mit einbeziehen, das verteuert die Sache enorm. Das geht in die Zehntausende! Aber so, wie wir das machen, das meiste auf ehrenamtlicher Basis, bleiben die Kosten überschaubar. Natürlich gibt es ein paar Dinge, die auch bei uns teuer kommen, wie zum Beispiel, wenn wir einen Mietbagger brauchen. Was auch teuer ist, sind Dinge wie Erdaushub, Entsorgung.
Woher das Geld kommt ist unterschiedlich. Es gab schon auch Spendenaufrufaktionen, da haben wir vorher ein paar Tausend Euro gesammelt. Das war zum Beispiel der Fall in Zabo, in Wetzendorf. Kürzlich haben wir auch einen Umweltpreis bekommen, es sind immerhin 4.000 Euro, auf die wir zurückgreifen können. Aktuell haben wir – das Projekt wird hoffentlich im Herbst umgesetzt – Gelder von der Zukunftsstiftung Sparkasse zugesprochen bekommen. Auch die Kost-Pocher'sche Stiftung hat Geld dazugegeben.
Gerade wurde die Arbeit am Wetzendorfer Landgraben abgeschlossen, wir haben dort einen großen Zuschuss von einem großen Discounter bekommen, dadurch konnten wir auch die Bepflanzung selber durchführen.
Herr Schneider, erlauben Sie uns eine etwas kritische Frage: Ist eine naturnahe Bachlandschaft an sich nicht schon ein Ding der Unmöglichkeit in der Stadt?
Ich finde nicht: Einerseits gab es von Natur aus schon immer Bäche auf dem Gebiet, den die Stadt einnimmt und andererseits gibt es trotzdem noch unversiegelte, unbebaute Flächen, Gärten, Grünanlagen, Straßenbegleitgrün. Es gibt also durchaus noch ein paar Nischen. Wenigstens da kann man wieder ein bisschen Natur in die Stadt bringen.
Wenn man bedenkt, dass das Stadtgebiet Nürnberg deutlich größer ist, als allgemein wahrgenommen wird, dass es auch weniger dicht bebaute Gebiete gibt, fast ländliche Gebiete: da sieht man, in den Bereichen kann man sehr viel machen, das ist weit über 50 % wo man relativ frei Platz hätte.
Also nur Nischen?
Damit muss man leben, man kann nicht in der Stadt einen zu hohen Anspruch haben und muss einen gewissen Pragmatismus üben. Trotz allem, es gibt immer noch genügend Aktions- oder Handlungsspielräume.
Ist es denn möglich, auch wirklich zusammenhängend große Abschnitte, also annähernd einen kompletten Bach von der Quelle bis zur Mündung, zu renaturieren?
Im Stadtgebiet ist das eigentlich nicht möglich, wenn, dann nur ganz in der Peripherie, in den ländlichen Gebieten, vielleicht noch mal in längeren Abschnitten im Knoblauchsland oder im Nürnberger Süden, Richtung Kornburg, in Bereichen, die nicht so dicht besiedelt sind.
Oft muss man natürlich bei den ländlichen Bereichen mit den Anliegern, mit Landwirten verhandeln, Konflikte lösen, denn ein Bach braucht Platz, wenn er zum Beispiel mäandrieren können soll.
Sie fordern ja auch unter anderem die Einhaltung eines gewissen Abstands, den die Bäche zu Äckern und Straßen brauchen. Wie steht es mit Nährstoffeinträgen in diesen ländlichen Bereichen? Greift die Stadt da auch mal ein?
Nein, die Stadt hat einfach kein Geld dafür, die Grundstücke zu kaufen. Es gibt ein sogenanntes Gewässerrandstreifenprojekt, im Rahmen dessen Fördermittel gegeben werden, damit die Bauern einen Streifen von 10 Metern aus der Nutzung nehmen, so dass dann darauf nicht mehr gespritzt und kein Kunstdünger ausgebracht wird, auch keine Gülle.
Ist es möglich die Vernetzung der Biotope zu erreichen oder gar zu gewährleisten?
Diese Frage könnten Biologen besser beantworten, aber es ist schon wichtig, so viele Barrieren wie möglich zu beseitigen, wie Wehre oder zu lange Rohrabschnitte, zum Beispiel, wo die Amphibien nicht mehr durchgehen.
Sind die Bäche, wenn sie dann renaturiert sind, nicht zu kostbar als dass die Bürger, Kinder, Jugendliche nah dran kommen sollten?
Nein; die Natur ist sehr robust, zum Beispiel am Goldbach, am Aussiger Platz, da spielen die Kinder sehr viel neben dem Spielplatz und matschen herum. Aber gut, das ist harmlos, das muss man mal in Kauf nehmen. Die Schäden sind nur vorübergehend, da sind mal zwei Quadratmeter wo halt kein Gras mehr wächst, aber es stellt kein wirkliches Problem dar. Die Natur setzt sich schon auch gut durch.
Also; Sie haben aus Erfahrung feststellen können, ist es also möglich, auf der einen Seite Nähe herstellen und auf der anderen Seite aber Naturschutz zu betreiben? Müsste man nicht diese ökologisch so wertvollen Bäche quasi hinter Glas stellen?
Da wo zum Beispiel nicht nur Bäche betroffen sind, sondern Stillgewässer tangiert werden, wo etwa im Schilf Vögel brüten, dort sind Ruhezonen natürlich wichtig. Aber gerade am Bach entlang ist die Vegetation so robust, da sprießt es nur so, die Böden sind auch nährstoffreich, da braucht man sich keine Sorgen zu machen.
Da haben wir schon gewisse Probleme, wie am Aussiger Platz. Leider produzieren die oft herumlungernden Jugendlichen viel Müll, den sie da lassen.
Kennen Sie alle Bäche in Nürnberg, und haben Sie einen Lieblingsbach?
Alle nicht; also Herr Brunner, der kann wirklich behaupten, er kenne alle Bäche, ich kann das nicht behaupten. Es ist schwierig, einen Lieblingsbach zu nennen, da kenne ich einige. Zum Beispiel der Tiefgraben im Erlenstegener Wald, der ist so schön weil er so tief geschnitten romantisch durch den Wald fließt. Aber auch Abschnitte vom Fischbach finde ich sehr schön. Dort ist teilweise noch naturnaher Erlenbruchwald.
Interessant find ich immer wieder, dass das, was ökologisch wertvoll ist, eine magische Anziehungskraft auf Kinder hat. Da wo es ökologisch strukturreich ist, wo die verschiedensten Biotoptypen nebeneinander vorkommen, sandige, trockene Hänge und daneben wieder üppig feuchte Sumpfwiesen – in solchen Bereichen sind immer Kinder.
Herr Schneider, vielen Dank für dieses Gespräch!
André Winkel (Redaktionsteam)