Artikel im Mauersegler Nr. 1/2010 
  Die Rückkehr der Bettwanzen in deutsche Haushalte
 

In den Industrieländern waren sie seit Jahrzehnten kein Thema mehr: Bettwanzen! Bei uns waren sie und die Methoden, sich dagegen zu wehren, in Vergessenheit geraten.
Das Ende des Befalls in den Industrienationen wurde dem Einsatz des Insektenvernichtungsmittels DDT (in der EU verboten) zugeschrieben. In Wirklichkeit erlosch das Vorkommen bereits einige Jahre vorher. Warum, ist eine offene Frage, die aber hochaktuell ist. Ein Beispiel: In einem australischen Lernkrankenhaus-Wohnheim mit 352 Zimmern wurde die Entwicklung einer stabilen Bettwanzen-Population trotz Bekämpfung dokumentiert. Im Mai 2001 war in einem Zimmer ein Bettwanzenbefall gemeldet und konventionell bekämpft worden. Das heißt, lediglich im offensichtlich befallenen Zimmer wurde bekämpft. Im Laufe der folgenden zwei Jahre gab es dann noch mehrere Schädlingsbekämpfungseinsätze im Wohnheim. Die Verwaltung meldete in immer mehr Räumen einen Bettwanzenbefall. Die Bekämpfung erfolgte weiterhin rein symptomatisch. Das Ergebnis: Nach Ablauf von zwei Jahren hatte sich der Bettwanzenbefall auf 20 Prozent aller Zimmer ausgedehnt! In Südaustralien gab es innerhalb von vier Jahren (2001–2004) eine 250- bis 700-fache Zunahme der Bettwanzenfälle.
Befallsursachen
Die rasch zunehmende Ausbreitung der Bettwanzen hat mehrere Ursachen:
Vor allem der zunehmende Rucksacktourismus bis in die letzten Winkel der Erde ist als Übertragungsweg von großer Bedeutung.
Oft werden die Wanzen einfach nicht erkannt. Hautrötungen und Juckreiz nach einem Bettwanzenstich sind allergische Reaktionen und treten nicht bei jedem Menschen auf.
Bettwanzen sind peinlich und werden verdrängt. Die Betroffenen gehen also meist nicht offen mit der Situation um.
Mehrtägige Großveranstaltungen enthalten grundsätzlich ein hohes Potential der Bettwanzenverbreitung.
Die Bekämpfung kostet Geld.
Hinweise auf Bettwanzen
Deutliche Hinweise auf Bettwanzen:
Stiche oft in Reihen (Breakfast, Lunch and Dinner) ähnlich wie Flohstiche, aber am ganzen Körper
Lebende oder tote Bettwanzen oder leere Häute (Abb. 1)
Schwarze Punkte, Krümel oder Flecken – je nach Untergrund (Abb. 2 und 3)
Wenn Juckreiz das einzige Symptom ist, kann es auch etwas anderes sein, z. B.:
Tiere: Zecken, Milben, Mücken, Flöhe, Stechfliegen, Raupenhaare, etc.
Sonstiges, z. B.: Fasern, Staub, trockene Luft, elektrostatische Aufladung, Hautkrankheiten, Veränderungen im Hormonhaushalt, Diabetes, Nebenwirkung eines Medikaments, Allergie, Überempfindlichkeit, Nahrungsmittelunverträglichkeit, etc.
Juckreiz ist ähnlich ansteckend wie Gähnen. Wenn einer anfängt, kratzen sich bald andere auch. Im Anschluss an Medienberichte häufen sich regelmäßig auch Fehlmeldungen. Alles Mögliche wird zur "Bettwanze".
Bei Bettwanzen juckt es manchmal erst nach 9–14 Tagen – oder gar nicht – oder nur einen von mehreren Betroffenen.
Was tun – Sofortmaßnahmen
Die Bettwanzen erst einmal ungestört lassen, damit sie zusammen bleiben.
Vorsicht beim Verlassen des Raumes. Mit Handtaschen, Handys und anderen Gegenständen, die im befallenen Raum waren, könnten schon Bettwanzen mitkommen.
Keine Vergiftungsaktion in Eigenregie!
Sofort Hilfe suchen!
Jeder Fehler fördert die Ausbreitung. Bettwanzen sind flink. Wenn sie gestört werden, flüchten sie ins Dunkle – je wärmer, desto schneller.
Entwicklung und Biologie
Bettwanzen legen Eier. Daraus schlüpfen Larven, die sich über fünf Larvenstadien zu erwachsenen Bettwanzen von etwa Linsengröße entwickeln. Alle Stadien sind flügellos und saugen Blut, im Schnitt ein Mal pro Woche. Die Weibchen legen täglich 2–3 Eier, die sie am Untergrund festkleben, insgesamt 350–400. Ihre Entwicklungs- und Lebensdauer hängen stark von der Temperatur ab.
Zu hohen Temperaturen gehen sie aus dem Weg. Bei 23° haben die erwachsenen Bettwanzen eine Lebenserwartung von sechs Monaten. Bei Kälte können sie viel länger leben und bis zu 18 Monate lang ohne Nahrung auskommen.
Erste Hilfe
Badewanne und Müllsäcke als Zwischenlager für Befallenes;
danach Hilfe finden.
Die Art eindeutig identifizieren. Es gibt mehrere sehr ähnliche Wanzenarten mit verschiedenen Lebensbedingungen.
Juckreizstillende Salbe (Arzt/Apotheke) und Repellents (Abwehr).
Fachkundige Ortsbegehung und gründliche Untersuchung durch einen Profi.
Bettwanzen nachhaltig bekämpfen und fernhalten
Die erfolgreiche Bekämpfung eines Bettwanzenbefalls erfordert solide Fachkompetenz. Neue Erkenntnisse und Erfahrungen müssen laufend ergänzt werden. Besonders schnell entwickeln sich derzeit Barrieren und Nachweismethoden.
Nicht-chemische und chemische Entwesung.
Zusammenarbeit aller Betroffenen. Ein Ende der Scham muß vorausgehen. Bettwanzen können jedem passieren. Die Schande besteht darin, sie zu behalten.
Mindestens eine Wiederbehandlung, oft sind mehrere notwendig.
Nachuntersuchungen über einen längeren Zeitraum.
Manches ist nach Einweisung in Eigenregie möglich. Einige Arbeiten erfordern Fachkenntnisse und Erfahrung. Fragen Sie einen Profi nach Möglichkeiten und Prävention.
Qualitätssicherung
Die Qualitätssicherung ist bei Bettwanzenbefall besonders wichtig. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Es gibt laufend neue Methoden, Mittel und Erkenntnisse, die mit unterschiedlichem Erfolg eingesetzt werden.
Es gibt Resistenzen gegen gebräuchliche Mittel.
Die Angst der Betroffenen vor den Wanzen kann leicht selbst zum nachhaltigen Problem werden. Viele ziehen sogar um und fürchten dennoch regelmäßig, die Wanzen mitgenommen zu haben.
Entscheidend bei der Qualitätssicherung ist die Frage, ob es noch lebende Wanzen oder schlüpffähige Eier für die Nachzucht gibt.
Fazit:
Zum Schutz vor Ansteckung empfiehlt sich die Erinnerung an die Empfindlichkeiten vieler älterer Menschen gegen alles Gebrauchte/Benutzte, sei es Sperrmüll, Flohmarkt, Secondhandläden oder "nur" ungebügelte Bettwäsche. Schlüsselelemente sind die Aufklärung der Bevölkerung, die Überwindung der Scham, Früherkennung, genaue Kenntnis der Sofortmaßnahmen und der vermeidbaren Fehler, die sorgfältige Bestandsaufnahme, die sofortige vollständige Bekämpfung inklusive Erfolgskontrolle und laufendes Monitoring entsprechend der Gefährdung. Größte Sorgfalt ist geboten. Billig geht nicht, und rein "biologisch" kann nur gelogen sein.
Bettwanze, invasive Ameisen (Lasius neglectus, Pharaoameise), Zecke, Ratte, Lebensmittelhygiene, Holzwurm, Maus, Motte & Co – individuelle Beratung, Qualitätssicherung, Mitarbeiter-Schulung, Workshops und Webinars; Termine und Inhalte nach Vereinbarung: 0163-212 20 16 / www.schaedling-biologie.info
Bildunterschrift: Kotflecken auf der (saugfähigen) Unterseite eines Sofakissens
Bildunterschrift: Eingetrocknete Kotkrümel auf der (wasserfesten) Tapete hinter einem Bild. Die ovale Unterseite des Rahmens ist noch erkennbar.
Bildunterschrift: Bettwanzen-Schlupfwinkel mit Entwicklungsstadien und Häutungsresten unter einem abgerückten Sofa aufgestöbert
Alle Fotos: ©  Eva Scholl 2009
Eva Scholl, Dipl.-Biol./Schädlingsbiologie, www.evascholl.de; Redaktion Mauersegler, BUND Bundesarbeitskreise Gesundheit/Umweltchemikalien & Toxikologie