Karl Otto Henseling (2008): Am Ende des fossilen Zeitalters
Alternativen zum Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen. Oekom
Verlag, München, 275 S.
|
|
|
Es gibt Buchtitel, die uns magisch anziehen. Für andere muss man Anlauf
nehmen. Um die erste Ausgabe von Karl Otto Henselings Buch (1992: "Ein Planet wird vergiftet der Siegeszug der
Chemie: Geschichte einer Fehlentwicklung", rororo aktuell) zu lesen,
brauchte ich nach 16 Jahren erst die verschmitzt gezwinkerte Zusicherung des
Autors, den Schwerpunkt mehr ins Konstruktive zu verlagern, und die Zusage zu
dieser Rezension. Außerdem habe ich in der aktualisierten und
überarbeiteten Fassung seines Buches zuerst den Schluss gelesen, bevor ich
bereit war, es näher an mich heranzulassen Selbstschutz für
meine gute Laune, die mir inzwischen heilig ist. Ich lese nämlich lieber,
was mir Mut macht. Immerhin wird die Bedrohlichkeit des neuen Titels bereits im
Untertitel wieder aufgehoben. Angenehme Überraschung: in beiden
Büchern ist der Inhalt viel erfreulicher als der Titel, und spannend zu
lesen. Man muss auch nicht Chemie studiert haben, um sie zu verstehen. Ich habe
keine Chemiefabrik. Was hat das X-Y-Verfahren also mit meinem Alltag zu tun und
wofür brauche ich Steinkohle? So was interessiert mich ... doch: Ich habe
es hier zum ersten Mal wirklich verstanden.
|
|
|
Unsere Vorfahren hatten Holz als Bau- und Brennstoff und zur Bearbeitung ihre
Muskeln. Zur Metallherstellung benutzten sie Holzkohle, die mehr Hitze
entwickelt als Brennholz. Metalle wurden nur für Waffen, Werkzeuge,
Münzen, Schmuck etc. verwendet. Als Holz-Kohle-Ersatz diente "Stein-Kohle",
die aber stank. Den Gestank, der von den Mineralien herrührte, die
über die Jahrmillionen aus dem Erdinneren in die Kohle eingewandert waren,
lernte man, als Teer zu entfernen. Steinkohle "wuchs" anfangs direkt an der
Erdoberfläche. Dann wurden die Gruben immer tiefer. Eindringendes
Grundwasser wurde abgepumpt. Zum Betrieb der Pumpen kam die Erfindung der
Dampfmaschinen im 18. Jahrhundert gerade recht. Für deren Bau brauchte man
mehr Metall und zum Betrieb mehr Kohle, usw. Vom Erlös wurde
anschließend die Erfindung all der Chemikalien finanziert, die man aus
Teer machen kann, z. B. Anilin-Farben.
|
|
|
Die Freiheit der Wissenschaft gleicht daher dem Traum vom Fliegen eine
Erfindung des Industriezeitalters? Sie kann allenfalls vorübergehend
gelingen. Die Aus-"Beute" muss maximiert werden. Alle sogar Mauersegler
kommen irgendwann wieder runter.
|
|
|
Aus einer anderen Produktionskette fiel massenhaft überschüssiges
Chlor an, das aus Luft und Lebendigem in Form von Salzsäure das Wasser
herausätzt. Aus Kochsalz wird Soda hergestellt. Daraus wird Glas gemacht.
Außerdem braucht die Textilherstellung Soda zum Waschen, Bleichen und
Färben. Da in diese Zeit des rasch wachsenden Sodabedarfs der Zweite
Weltkrieg fiel, konnte man prima Chemiewaffen damit machen. Danach war der
Forschergeist gefragt. In Friedenszeiten werden seitdem mit Chlor
Schädlingsbekämpfungsmittel (z. B. Xyladecor), Medikamente und
Lösungsmittel gemacht. Es desinfiziert Wasser und "reinigt". Zum Bleichen
von Wäsche und Papier wird es verwendet, und als PolyVinylChlorid (PVC)
chemisch profitabel in Kunststoff gebunden. Im Brandfall entsteht neben
Salzsäure auch Dioxin. Das ist dann ein Problem der Allgemeinheit.
|
|
|
Mit anderen Chemikalien verhält es sich ähnlich. Der Autor beleuchtet
zahlreiche Beispiele und Problemstellungen: Schwefel, Schwefelsäure,
Stickstoff, Dünger und Sprengstoff, Krieg, Kohleverflüssigung,
Erdöl, Benzin, Kautschuk, Platin, Kohlendioxid; schleichende Vergiftungen:
Pestizide, Benzol, Holzschutzmittel; Umweltmedizin, ... Die sogenannten
Wertschöpfungsketten sind in Wirklichkeit Netze von Kettenreaktionen, die
exponentiell dichter werden und uns immer enger einklemmen.
|
|
|
Der Autor hat starke Worte sorgfältig gewählt und mit Herz, Witz und
Pfiff mutig niedergeschrieben, z. B. "Stoffwirtschaftliche Barbarei des
Industriezeitalters", "Risikounschärfe", "das Austesten von
Belastungsgrenzen", "Ökologische Folgekosten (...) auf die Allgemeinheit
abgewälzt" ... Hinter seinen Ausführungen steckt ungeheures
Wissen über die "Chemisierung der Wirtschaft". Seine Art des aufrechten
Gangs müssten viele Zeitgenossen erst wieder entdecken, wenn sie denn
wollten.
|
|
|
Ungefähr zwei Drittel des Buches sind gut zum Wut machen außer
vielleicht bei dem Ausnahme-Leser, der an der Ausbeutung der Erde verdient, und
dessen einzige Moral die Gewinnmaximierung um jeden Preis ist. Wie das passieren
konnte? Sogar das wird verständlich. Es hat mit dem Wettbewerb zu tun. Mit
Henselings Anleitung verstehe ich die Entwicklung dieser Misere täglich
besser.
|
|
|
Zum Glück kommt da noch etwas; nämlich die Transformation Der
Übergang zum Konstruktiven, ab Seite 178. Systematisch ruft der Autor
wichtige Lebensbereiche nacheinander auf: Grundrecht auf körperliche
Unversehrtheit, Vorsorgeprinzip, Stoffgeschichten, Nachhaltigkeit,
Ressourcenschonung, Transparenz, Lobbykontrolle, Bedürfnisse und Bedarfe,
Wasser, Wohnen, Mobilität, Energieversorgung, Ernährung, Netzwerken
und Umdenken. Schließlich stellt er gelingende Projekte und Ansätze
für Veränderungen vor. Sie betreffen (mit gelegentlichen
Rückfällen ins Beklagen der Missstände) Wiederholungen kommen
vor.
|
|
|
Bei Henseling überwiegen die freundlichen Aussichten, bei mir auch. Wenn
jeder tut, was er kann, können wir die Kurve vielleicht noch kriegen.
Insgesamt ist dies ein höchst lesenswertes Buch zum richtigen Zeitpunkt.
|
|
|
Was jeder tun kann; kleine Anregungen auf der Basis des Gelesenen bzw.
stoff-los weitergedacht:
|
|
|
z. B. Chlor: Weniger Chlor brauchen ist ein möglicher Ansatz von
vielen. Die Frage, wie sauber alles sein muss, ist wert, täglich neu
gestellt zu werden. Glas brauchen wir für Fenster und Flaschen. Der
kreative Umgang mit Textilien und Bedarfsgegenständen wartet mit
herausfordernden Entfaltungsmöglichkeiten bei der Auswahl, Reinigung,
Pflege, Perfektionsgrad und Nutzungsdauer. Wie makellos muss ein Outfit sein?
|
|
|
Körperliche Arbeit, einst zur Beleidigung für die Körper der
"feinen Leute" degradiert, lässt sich in Zeiten der ausufernden sitzenden
Tätigkeiten in eine Belohnung für den Körper nach langem
Stillhalten umwidmen. Sinnentleert rhythmisch stampfende Leiber in Studios
erinnern an Galeerensklaven. Die Rückgewinnung ihrer Energie, etwa zum
Laden ihrer Handy-Akkus, wäre ihnen neben dem Zeiger der Waage als
Erfolgserlebnis zu wünschen. Selbst die Sklaven kamen irgendwann an.
Umwegloser Energieeinsatz Bad schrubben, Garten umgraben kann die
Verschwendung von Zeit, Geld und Energie chemiefrei weiter verringern, die
Effizienz zusätzlich steigern. Die Konzentration auf das Wesentliche
genügt.
|
|
|
Eva Scholl (Dipl.-Biol./Schädlingsbiologie, Redaktionsteam "Mauersegler")
|
|
www.evascholl.de
|