Artikel im Mauersegler Nr. 1/2009 
  Buchbesprechung: "Kohle machen" und mehr
 

Karl Otto Henseling (2008): Am Ende des fossilen Zeitalters – Alternativen zum Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen.
Oekom Verlag, München, 275 S.

Es gibt Buchtitel, die uns magisch anziehen. Für andere muss man Anlauf nehmen. Um die erste Ausgabe von Karl Otto Henselings Buch (1992: "Ein Planet wird vergiftet – der Siegeszug der Chemie: Geschichte einer Fehlentwicklung", rororo aktuell) zu lesen, brauchte ich nach 16 Jahren erst die verschmitzt gezwinkerte Zusicherung des Autors, den Schwerpunkt mehr ins Konstruktive zu verlagern, und die Zusage zu dieser Rezension. Außerdem habe ich in der aktualisierten und überarbeiteten Fassung seines Buches zuerst den Schluss gelesen, bevor ich bereit war, es näher an mich heranzulassen – Selbstschutz für meine gute Laune, die mir inzwischen heilig ist. Ich lese nämlich lieber, was mir Mut macht. Immerhin wird die Bedrohlichkeit des neuen Titels bereits im Untertitel wieder aufgehoben. Angenehme Überraschung: in beiden Büchern ist der Inhalt viel erfreulicher als der Titel, und spannend zu lesen. Man muss auch nicht Chemie studiert haben, um sie zu verstehen. Ich habe keine Chemiefabrik. Was hat das X-Y-Verfahren also mit meinem Alltag zu tun und wofür brauche ich Steinkohle? So was interessiert mich ... doch: Ich habe es hier zum ersten Mal wirklich verstanden.
Unsere Vorfahren hatten Holz als Bau- und Brennstoff und zur Bearbeitung ihre Muskeln. Zur Metallherstellung benutzten sie Holzkohle, die mehr Hitze entwickelt als Brennholz. Metalle wurden nur für Waffen, Werkzeuge, Münzen, Schmuck etc. verwendet. Als Holz-Kohle-Ersatz diente "Stein-Kohle", die aber stank. Den Gestank, der von den Mineralien herrührte, die über die Jahrmillionen aus dem Erdinneren in die Kohle eingewandert waren, lernte man, als Teer zu entfernen. Steinkohle "wuchs" anfangs direkt an der Erdoberfläche. Dann wurden die Gruben immer tiefer. Eindringendes Grundwasser wurde abgepumpt. Zum Betrieb der Pumpen kam die Erfindung der Dampfmaschinen im 18. Jahrhundert gerade recht. Für deren Bau brauchte man mehr Metall und zum Betrieb mehr Kohle, usw. Vom Erlös wurde anschließend die Erfindung all der Chemikalien finanziert, die man aus Teer machen kann, z. B. Anilin-Farben.
Die Freiheit der Wissenschaft gleicht daher dem Traum vom Fliegen – eine Erfindung des Industriezeitalters? Sie kann allenfalls vorübergehend gelingen. Die Aus-"Beute" muss maximiert werden. Alle – sogar Mauersegler – kommen irgendwann wieder runter.
Aus einer anderen Produktionskette fiel massenhaft überschüssiges Chlor an, das aus Luft und Lebendigem in Form von Salzsäure das Wasser herausätzt. Aus Kochsalz wird Soda hergestellt. Daraus wird Glas gemacht. Außerdem braucht die Textilherstellung Soda zum Waschen, Bleichen und Färben. Da in diese Zeit des rasch wachsenden Sodabedarfs der Zweite Weltkrieg fiel, konnte man prima Chemiewaffen damit machen. Danach war der Forschergeist gefragt. In Friedenszeiten werden seitdem mit Chlor Schädlingsbekämpfungsmittel (z. B. Xyladecor), Medikamente und Lösungsmittel gemacht. Es desinfiziert Wasser und "reinigt". Zum Bleichen von Wäsche und Papier wird es verwendet, und als PolyVinylChlorid (PVC) chemisch profitabel in Kunststoff gebunden. Im Brandfall entsteht neben Salzsäure auch Dioxin. Das ist dann ein Problem der Allgemeinheit.
Mit anderen Chemikalien verhält es sich ähnlich. Der Autor beleuchtet zahlreiche Beispiele und Problemstellungen: Schwefel, Schwefelsäure, Stickstoff, Dünger und Sprengstoff, Krieg, Kohleverflüssigung, Erdöl, Benzin, Kautschuk, Platin, Kohlendioxid; schleichende Vergiftungen: Pestizide, Benzol, Holzschutzmittel; Umweltmedizin, ...  Die sogenannten Wertschöpfungsketten sind in Wirklichkeit Netze von Kettenreaktionen, die exponentiell dichter werden und uns immer enger einklemmen.
Der Autor hat starke Worte sorgfältig gewählt und mit Herz, Witz und Pfiff mutig niedergeschrieben, z. B. "Stoffwirtschaftliche Barbarei des Industriezeitalters", "Risikounschärfe", "das Austesten von Belastungsgrenzen", "Ökologische Folgekosten (...) auf die Allgemeinheit abgewälzt" ...  Hinter seinen Ausführungen steckt ungeheures Wissen über die "Chemisierung der Wirtschaft". Seine Art des aufrechten Gangs müssten viele Zeitgenossen erst wieder entdecken, wenn sie denn wollten.
Ungefähr zwei Drittel des Buches sind gut zum Wut machen – außer vielleicht bei dem Ausnahme-Leser, der an der Ausbeutung der Erde verdient, und dessen einzige Moral die Gewinnmaximierung um jeden Preis ist. Wie das passieren konnte? Sogar das wird verständlich. Es hat mit dem Wettbewerb zu tun. Mit Henselings Anleitung verstehe ich die Entwicklung dieser Misere täglich besser.
Zum Glück kommt da noch etwas; nämlich die Transformation – Der Übergang zum Konstruktiven, ab Seite 178. Systematisch ruft der Autor wichtige Lebensbereiche nacheinander auf: Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit, Vorsorgeprinzip, Stoffgeschichten, Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Transparenz, Lobbykontrolle, Bedürfnisse und Bedarfe, Wasser, Wohnen, Mobilität, Energieversorgung, Ernährung, Netzwerken und Umdenken. Schließlich stellt er gelingende Projekte und Ansätze für Veränderungen vor. Sie betreffen (mit gelegentlichen Rückfällen ins Beklagen der Missstände) Wiederholungen kommen vor.
Bei Henseling überwiegen die freundlichen Aussichten, bei mir auch. Wenn jeder tut, was er kann, können wir die Kurve vielleicht noch kriegen. Insgesamt ist dies ein höchst lesenswertes Buch zum richtigen Zeitpunkt.
Was jeder tun kann; kleine Anregungen auf der Basis des Gelesenen bzw. stoff-los weitergedacht:
z. B. Chlor: Weniger Chlor brauchen ist ein möglicher Ansatz von vielen. Die Frage, wie sauber alles sein muss, ist wert, täglich neu gestellt zu werden. Glas brauchen wir für Fenster und Flaschen. Der kreative Umgang mit Textilien und Bedarfsgegenständen wartet mit herausfordernden Entfaltungsmöglichkeiten bei der Auswahl, Reinigung, Pflege, Perfektionsgrad und Nutzungsdauer. Wie makellos muss ein Outfit sein?
Körperliche Arbeit, einst zur Beleidigung für die Körper der "feinen Leute" degradiert, lässt sich in Zeiten der ausufernden sitzenden Tätigkeiten in eine Belohnung für den Körper nach langem Stillhalten umwidmen. Sinnentleert rhythmisch stampfende Leiber in Studios erinnern an Galeerensklaven. Die Rückgewinnung ihrer Energie, etwa zum Laden ihrer Handy-Akkus, wäre ihnen neben dem Zeiger der Waage als Erfolgserlebnis zu wünschen. Selbst die Sklaven kamen irgendwann an. Umwegloser Energieeinsatz – Bad schrubben, Garten umgraben – kann die Verschwendung von Zeit, Geld und Energie chemiefrei weiter verringern, die Effizienz zusätzlich steigern. Die Konzentration auf das Wesentliche genügt.
Eva Scholl (Dipl.-Biol./Schädlingsbiologie, Redaktionsteam "Mauersegler")
www.evascholl.de